Wer weiß? 

Vielleicht ist alles doch ganz anders, als wir denken?

Wenn man die Beiträge zur aktuellen politischen Situation in den Social-Media Plattformen verfolgt, dann ist ganz klar, dass es verschiedene, sich zum Teil diametral entgegenstehende Meinungen gibt. Eines haben all diese Meinung wahrscheinlich gemeinsam, nämlich, dass sie mit der Wirklichkeit wenig bis nichts zu tun haben.

Viel zu selten wird versucht, die ganze Komplexität der jeweiligen Themen wirklich einmal transparent zu machen und Licht in das Dunkel zu bringen. Da ist es einfacher, eine Meinung zu haben. Und dass die total falsch sein könnte, das wird geflissentlich ignoriert.

Aber hat sich die Menschheit und mit ihr die Wissenschaftler oder umgekehrt nicht oft genug geirrt oder einfach nicht gewusst, dass es eben doch noch weitergeht, wie etwa in der Physik. Da war man sich ganz sicher, dass es so wäre, wie Newton die Welt sah. Aber das ist es eben nicht.

Eigentlich müssten wir über solche Erkenntnisse froh sein, bringen sie uns doch definitiv weiter. Tja, wenn die Menschen nicht so sehr an ihren persönlichkeitsbildenden Inneren Bildern hängen würden, ja sie regelrecht liebten. Und manche können ihr Selbstbildnis so wenig vergessen wie die große Liebe, die sich leider doch oft als recht bescheiden und nicht tragbar erwiesen hat. Wie eben auch manche Welt- und Selbstbilder.

So gesehen leben neugierige und wissbegierige Menschen einfach klüger, denn sie werfen schon mal ihre Überzeugungen einfach so über den Haufen, wenn sie etwas Neues, Weiterführendes erkannt haben. Also sollten wir uns nicht in unser aktuelles Wissen einmauern, denn es ist eine ziemlich trügerische Sicherheit, die uns Wissen geben kann. Wäre vielleicht sinnvoller, Wissen als Sprungbrett anzusehen, ein Sprungbrett in ein neues, unbekanntes Terrain. Und manchmal auch ein neues, unbekanntes Leben.

Aber das setzt voraus, sich immer auf dem Sprungbrett zu fühlen und auch bereit zu sein, die nächste Gelegenheit beim Schopf zu packen und weiter zu ziehen. Die Schwierigkeit ist nur, dass das Sprungbrett von irgendwoher seine Energie bekommen muss. In Form einer Idee, einer Vision. Man muss einfach bereit sein, das eigentlich nicht Mögliche zu denken und vielleicht doch für möglich zu halten.

Bis es sich letztlich soweit verdichtet, dass der Sprung möglich wird und sich ereignet. Doch wie kommt man an diese Motivation, diese Form der Energie? Es beginnt interessanterweise mit dem Anspruch, den wir an uns selbst haben. Bitte nicht mit Anspruchsdenken gleichsetzen. Der Anspruch, den wir an uns selbst haben, ist uns selten bewusst, meist ist er eingepackt wie in eine Geschenkverpackung mit Rechtfertigungen und guten Gründen, warum es so ist, wie es eben ist.

Vielleicht einer der Gründe, warum ich mir immer wieder Science-Fiktion- und Fantasy-Filme anschaue. Krieg der Sterne, Matrix, Der letzte Samurai oder Die große Stille gehören zu meinen Favoriten, aber auch, als abschreckende Beispiele, Fahrenheit 451 und Brave New World. Alles Filme, die mich zum Grübeln bringen. In diesem Universum kann ja nichts ohne Grund sein. Sonst müsste man dem Universum ja unterstellen, es sei nicht intelligent. Oder etwas in der Art, nicht unsere ‚menschliche‘ Intelligenz, versteht sich.

Wenn ich hingegen den Anspruch an mich habe, dass ich ja doch nichts machen kann, dann ist die Welt eben so. Der sportliche Anspruch an mich besteht – leider – hauptsächlich in Bequemlichkeit. Aber wieso leider? Ich könnte doch hergehen und den Anspruch in Punkto Sport einmal überdenken. Wie gesagt, es ist uns letztlich selten bewusst, aber der Anspruch an uns selbst ist genau das, was und wie wir sind.

Natürlich gibt es Grenzen, etwa Geschlecht und Alter. Aber da hört es dann schon so langsam auf. Gesundheit? Intelligenz? Möglichkeiten? Da könnte man schon was tun … . Der Anspruch an mich selbst und mein Selbstbild haben viel Gemeinsames, sie tanzen zusammen den Tango meines Lebens. Von daher lohnt es sich, ihn immer wieder einmal einer genauen Reflexion zu unterziehen. Idealerweise im Dialog.

Wir wissen, dass wir sehr, sehr vieles nicht wissen. Aber das sollte uns nicht daran hindern das zu wissen, was wir wissen können. Und nicht mit ein paar Zen-Sprüchen über das Absolute den Wissensanspruch an uns herunterschrauben. Also denken wir immer wieder einmal über den Anspruch an uns selbst nach – und definieren davon ausgehend unsere Kata, das eigentliche Lebensziel.

Es ist ein Unterschied zwischen diesem Ziel und den konkreten Schritten darauf zu. Wenn ich die Prinzipien betrachte, an denen sich die Zen-Künste ausrichten, dann sind die natürlich nicht konkret, aber der Weg dorthin folgt klaren und eindeutigen Regeln und Schritten. Und stetiges, nie endendes Üben.

Es mag widersprüchlich anmuten, aber ich denke, will man über das Bekannte hinausgehen, dann braucht man sehr viel Ordnung im eigenen Leben. Je bewusster ich mich kleide, desto schneller fällt mir ein Fleck auf. Es ist ja gerade diese Bewusstheit, die ja auch jeder Ordnung zugrunde liegt, die uns Schwächen wie Möglichkeiten wahrnehmen lässt. Und diese Bewusstheit hängt wiederum unmittelbar mit dem Anspruch an uns selbst zusammen.

Vielleicht kann man es damit vergleichen: Streiche ich mit der Hand schnell und fest über eine Oberfläche, dann nehme ich Unebenheiten viel weniger wahr, als wenn ich nur ganz sachte darüber streiche. Das Stylesheet im Leben macht das Leben nicht nur einfacher; es lässt uns das Leben auch vielmehr spüren.

Je besser und je mehr wir das Leben (nicht uns selbst!) spüren können, je feiner und differenzierter unsere Wahrnehmung wird, desto leichter und schneller nehmen wir Dinge wahr, die wir sonst wohl übersehen hätten. Nur so bekommen wir eine Ahnung davon, dass es vielleicht doch ganz anders ist, als wir denken.

Und nur so können wir die Möglichkeiten wahrnehmen, die wir uns erschließen können. Oder vielleicht doch eher sollten? Wer weiß?

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.

Kommentar?