Widerstand und Erkenntnis

Man muss sie beharrlich suchen und vor allen Dingen erkennen, wenn man sie meidet.

Widerstände und Widerspruch sind ein wunderbares Mittel der Erkenntnis. An und mit ihnen kann man ohne weiteres erkennen, wo man die alten Muster eines real existierenden »Ich« unbedacht auf alltägliche Situationen überträgt.

Die Zen-Praxis besteht nicht darin, Wissen oder Weisheit anzusammeln. Sie besteht vielmehr darin, zu erkennen, wo man nicht im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten lebt. Die Gesetzmäßigkeiten zu erkennen ist so nahrhaft wie der Einkauf für ein leckeres Gericht. Er macht nicht satt, auch wenn er notwendig ist, um satt zu werden. Doch weil das Essen so selbstverständlich ist, übersieht man leicht seine Bedeutung.

Genauso leicht wird im Zen übersehen, wie wesentlich es ist, vorhandenes Wissen zu integrieren, heißt, es auf unsere alltäglichen Lebenssituationen anzuwenden. Gelingt uns das nicht, bleibt unsere Praxis leer und wird uns nicht befreien.

Immer da, wo wir anfangen zu widersprechen, zu diskutieren oder eine andere Meinung zu haben und nicht einfach tun, was zu tun ist, wissen wir, dass wir immer noch unserem Ego Raum gewähren.

Oft sind uns vollkommen verständlich, worum es geht, doch wirkliche Erkenntnis und Einsicht in das Wesen der Dinge ist etwas ganz anderes. Es bedeutet bereit zu sein, sich selbst in die Pflicht zu nehmen und Widerstände als das zu erkennen, was sie sind. Vor allen Dingen geht es darum zu erkennen, wie wir unserem Ego Raum verschaffen. Zum Beispiel, indem wir etwas, was wir tun sollen, für nicht notwendig ansehen, meinen, es sei schon alles in Ordnung und es gäbe nichts zu tun; E-Mails nicht löschen, die wir doch nie mehr lesen werden, Dinge vor uns herschieben. Diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen.

Das Bedauerliche dabei ist, dass die Auseinandersetzung mit all diesen Erscheinungen von Widerständen einen nicht wirklich weiter bringt. Das Einzige, das wirklich hilft, ist eine radikale Anweisung an sich selbst: Man tut, was der Meister einem sagt. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn hier geht es natürlich nicht darum, dass man devot und unterwürfig tut, was der Meister möchte, dass man es tut. Vielmehr bedeutet es, dass man sich darauf einlässt, was zwangsläufig bedeutet, dass man davon ausgelegt wird. Und das macht man eben so lange, bis man sich darauf einlassen kann. Manchmal kann es dann sein, dass man dann dem Meister erklärt, warum man es doch nicht tut. Doch was tun, wenn er es dann noch immer nicht akzeptiert? Jedenfalls endet dies nie damit, dass man einfach macht, was man will. Solche Situationen sind nämlich nichts anderes als ein Koan, auf das man eine Antwort gibt und nicht einfach zur Tagesordnung übergeht.

An diesem Punkt entscheidet sich, ob man einen Meister hat und auch, ob man eine Beziehung zu ihm hat. Das eine vom anderen zu unterscheiden ist nicht schwierig. Sich auf diese grundsätzliche Frage einzulassen ist die eigentliche Schwierigkeit.

Mit einem Meister praktiziere ich Zen, wenn ich seinen Anweisungen folge, nicht, wenn ich ihm gehorche. Denn ein Meister sagt mir nicht was ich zu tun habe, sondern er hilft mir zu erfahren, was ich (tatsächlich) tue. Doch das ist nur möglich, wenn man von dem gleichen Verständnis der Arbeit miteinander ausgeht.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.