Wie sich begegnen, wenn man nicht in der selben, mindestens einer gleichen Welt zu Hause ist?

Schwierig, schwierig. Aber nicht grundsätzlich unmöglich.

Begegnungen, also freundschaftliche, wohlmeinende und kreative, sind wirklich schwierig, wenn man nicht die selbe oder die gleiche Sprache spricht; wenn man also von einem anderen, einem unterschiedlichen Weltbild ausgeht. Ein anderes Weltverständnis bedingt eben eine andere Welt; denn damit sieht man Dinge ganz anders, heißt man hat eine völlig andere Wahrnehmung. Andere Wahrnehmung, andere Welt.

Aber ein Auto ist doch ein Auto und ein Mensch ein Mensch? Das mag man zwar denken, aber stimmt das? Also beim Auto mag ich nicht diskutieren, aber beim Menschen schon. Ich sehe ja nicht etwas, was real existieren würde, sondern ich sehe ja immer nur meine geistig–mentale Repräsentation davon. Das beschäftigte schon die alten Griechen, nämlich wie die Welt in den eigenen Kopf kommt. Also sehe ich immer nur das, was ich denke. Und einen anderen können sie auch nicht sehen, nur sich denken. Das Äußere mag erkennbar sein, wenn man mal fünf gerade sein lässt, nicht aber, wie jemand denkt und wovon er überzeugt ist. Und das allein ist entscheidend. Aber das kann man nicht wissen, sondern sich eben nur denken. Also fangen wir bei den alten Griechen an.

Das waren wohl radikale Konstruktivisten. Alles Wahrgenommene ist immer nur eine mentale Konstruktion. Davon gingen sie aus. Wenn Sie also das nächste Mal denken, der, die oder das ärgert Sie, sollten Sie ruhig noch einmal darüber nachdenken. Denn Sie selbst sind es, die oder der sich ärgert. Was auch immer passiert, Sie sind es selbst. Ob Sie einen triftigen Grund haben oder nicht: Sie entscheiden, ob Sie das ärgern kann (oder darf). Aber es geht noch weiter.

Zen-Menschen sehen wie Quantenphysiker und andere Wissenschaftler die Welt mit ganz anderen Augen. Nicht weil sie eine gefärbte Brille aufhätten, sondern weil sie ein anderes Verständnis von der Welt haben. Wollen sich also zwei Weltbilder nicht nur über das Essen unterhalten, sollten sie erst einmal klären, von welcher Erkenntnisbasis aus sie miteinander sprechen, bevor sie inhaltlich über etwas sprechen. Es sei denn, sie wollen nur miteinander diskutieren ohne die Absicht zu haben heraus zu bekommen, was nun wirklich stimmt.

Es geht nämlich nicht darum, wer Recht hat, sonder was richtig ist. Was leider allzuoft verwechselt beziehungsweise nicht gesehen wird. Aber bevor man darüber redet, muss man erst einmal klären, ob man die selbe Erkenntnistheorie verwendet. Das würde schon viel Klarheit schaffen. Ohne eine kompatible Erkenntnistheorie ist es verdammt schwierig, einen Dialog zu führen. Also sollte man damit anfangen. Sonst kann es unter Umständen lange dauern, bis man endlich merkt, dass man nicht von der selben oder mindestens der gleichen Epistemologie ausgeht. Das kann letztlich ziemlich frustrieren.

Also erst einmal fragen, wessen Geistes Kind der andere ist. Aber die Frage muss man sich vor allem selber stellen und genau untersuchen, woran man glaubt und wovon man ausgeht. Ich habe mich kürzlich lange mit einem Freund über Denken und Kontrolle auseinander gesetzt. Hinterher war mir klar, wie ich denke. Und was gibt es Wichtigeres, als zu wissen, wie man denkt? Denn nur dann kann ich das normalerweise implizite Wissen auch richtig ausdrücken, nämlich wenn ich weiß, ob ich dieses Wissen auch validieren kann. Und das kann man nun mal schwer alleine. Wichtig ist sich darüber im Klaren zu sein, dass man seine eigenen Denkfehler nur dann ausmerzen kann, wenn man dieses implizite Wissen nach oben holt, es sich bewusst macht. Und wie geht das besser als im Gespräch?

Kommuniziert man also über valides Wissen, wird es schon viel einfacher. Gelernt habe ich das in der Schule. Was macht man auch im Internat an den langen Abenden am Wochenende? Genau! Man zerbricht sich den Kopf über Gott und die Welt. Und im Studium hatte ich auch das Glück, solche Freunde zu finden. Bei diesen Gesprächen habe ich immer dann, wenn ich mir meiner eigenen Ansicht nicht wirklich sicher war, die vehement verteidigt, so wie ein Advocatus diaboli das tut, nur das ich mich selbst hinterfragte, nicht andere. Indem ich meine Meinung vehement vertrat und mich auf diese Weise selbst positionierte, mich angreifbar machte, konnte mich eben selbst hinterfragen, indem ich mich an den Ansichten des Gegenübers schleifte.

Es gehört vielleicht Mut dazu, sich selbst auf den heißen Stuhl zu setzen, aber es macht Sinn. Definitiv. Sollte man eigentlich öfters tun.

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