Wie wir leben

Und wie wir leben könnten.

In welcher Gesellschaft wir leben definieren wir nämlich definitiv selbst. Bei Tieren ist das anders. Sie leben in der gesellschaftlichen Struktur, die ihr Überleben am ehesten sichert. Interessant ist, dass das bei unseren nächsten Verwandten, den Affen, recht unterschiedlich sein kann. Vom Patriarchat über das Matriarchat bis hin zur freien Liebe der Bonobos ist da so ziemlich alles vertreten, was man sich vorstellen kann. Die Affen orientieren sich dabei an den ökologisch bedingten ökonomischen Rahmenbedingungen, in denen sie leben.

Wir Menschen sind evolutionsgeschichtlich gesehen nicht so weit von den Affen entfernt. Da kann man dann davon ausgehen, dass das bei uns ähnlich ist. Ist es auch, nur können wir Menschen unsere Lebensbedingungen selbst gestalten. Affen können das wohl nicht. Wir Menschen haben die Freiheit (!), unsere Lebensbedingungen selbst zu gestalten. Also bewusst. Nur leider machen das die allerwenigsten. Dabei folgen die Menschen zwar, oft knurrend und unzufrieden, den angeblich tatsächlichen ökonomischen Rahmenbedingungen, sie sind sich jedoch nicht bewusst, dass sie ihre Welt ja selbst denken und damit gestalten.

Bekommen Sie jetzt bitte keinen Knoten ins Hirn. Ich habe an diesem gordischen Knoten lange herum getüftelt, bis ich endlich den Stift fand, den man herausziehen muss. Mit dem Schwert und zack, das konnte ja nur Alexander der Große. Wenn wir darüber nachdenken, dass wir ja tatsächlich allein in unserer Welt leben, einfach deshalb, weil jede Form der Wahrnehmung eine geistige und gedankliche Konstruktion, weil Interpretation ist, dann beschleicht uns meist reflexartig ein heftiges Ohnmachtsgefühl, so nach dem Prinzip ‚Ich und der Rest der Welt‘. Was unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit total zuwiderläuft und uns blitzartig wieder in die gewohnten konditionierten Muster zurücksinken lässt.

Statt dass wir uns einfach einmal hinsetzen und ganz nüchtern darüber nachdenken würden. Das ‚Problem‘ steckt nämlich nicht in den Rahmenbedingungen, sondern in unserem Wissen über den Prozess unseres eigenen Denkens. Was wir denken, ist für uns nämlich wahr. Was auch immer wir denken, es ist für uns erst einmal absolut wahr. Wollen wir also anders leben, und dafür gibt es ja oft viele gute Gründe, dann dürfen wir uns nicht als Erstes fragen, wie wir letztlich leben wollen, sondern wir brauchen zuerst ein anderes Denken. Ein wirklich ausgesprochen vertracktes Unterfangen.

Ich habe, jedenfalls bilde ich mir das ein, ein für mich anderes Denken auf die schmerzhafte Art und Weise gelernt. Einfach deshalb, weil ich mit dem Scheitern meine Schwierigkeiten hatte, habe ich manches so richtig in den Sand gefahren. Ich war einfach nicht bereit zu erkennen, dass das, was ich da gerade machte, schlicht und einfach Mist war. Mein Beharrungsvermögen war so ausgeprägt, dass ich erst dann den Baum losließ, den ich am umarmen war (und dabei jammerte, dass ich nicht von ihm wegkäme, weil er mich festhalte), als mir alles so richtig um die Ohren flog und ich im klassischen Sinn scheiterte. Dabei ist zu scheitern etwas durchaus Positives. Bei Kindern nennt man es lernen und freut sich, wenn sie endlich begriffen haben, dass es eben anders geht, als sie es bisher immer versuchten.

Scheitern ist nichts anderes als ein Synonym dafür, begriffen zu haben, wie es funktioniert und eben auch, dass es leider nicht funktioniert, wie man es die ganze Zeit macht. Warum aber bekommen nur kleine Kinder dafür Lob und Anerkennung von Mama und Papa? Ganze einfach, weil es eben Kinder sind und wir Erwachsenen dieses Prinzip von Versuch und Irrtum eigentlich schon längst selbst begriffen haben sollten und auch die Zuständigkeiten von Eltern schon längst vorbei sind. Aber vielleicht tue ich mir damit leichter, meine Eltern sind beide schon gestorben.

In unserem verqueren Umgang mit Scheitern steckt ja auch die Abscheu vor allem Negativen drin. Man darf ja nicht sagen, dass jemand etwas falsch macht, auch wenn es grottenfalsch ist. Ist eben nicht political korrekt. Aber dummerweise hilft das dann dem anderen auch nicht weiter. Also ich bin mittlerweile froh, wenn mir jemand sagt, wenn ich etwas falsch mache. Natürlich nicht einfach so, sondern vor allem sagt, wie er oder sie denkt, wie es besser oder richtiger geht. Ob ich darauf höre entscheide ich ja immer noch selbst. Setzt natürlich voraus, dass mir meine Selbstbezogenheit nicht im Weg steht und mir kein Zacken aus der Krone bricht, weil ich mal wieder was nicht gekonnt oder nicht begriffen habe. Aber das ist der Vorteil des Alters, man weiß dann schon längst, dass es ein ganz normaler und alltäglicher Zustand ist, etwas falsch zu machen oder nicht zu wissen.

Schon komisch, dass es dieses Unvermögen ist gelassen zu scheitern, das uns daran hindert, in der Welt zu leben, die richtig für uns wäre. Aber zurück. Ich bin ja ein Fan der Samurai-Kultur. Ich finde die faszinierend. Natürlich laufe ich nicht in Rüstung und mit Schwertern durch die Gegend, habe keine Papierfenster und keine Schiebetüren und mache wohl auch kein Harakiri, wenn ich mal so ordentlich Mist baue. Aber die hinter den Prinzipien der Samurai stehende Denkkultur fasziniert mich. Und die finde ich absolut richtig. Und zielführend. Dahinter steckt die Überzeugung, für mich übrigens ein Fakt, dass wir nur dann unser Leben transformieren und nicht wie üblich in der Translation hängen bleiben, wenn wir unser Denken ganz grundsätzlich neu organisieren. Und das heißt, ich muss mich dem Neuen weihen.

Bei dem Wort Weihe lassen Sie bitte erst einmal alle Vorstellungen sausen. Was bedeutet es, sich zu weihen? Erst einmal ist es eine eigene Entscheidung und eine Selbstverpflichtung. Das ist vielleicht der wesentliche Unterschied zum üblichen Verständnis von Weihe. Man weiht sich sozusagen selbst einem selbst gewählten Denken. Manche würden hier vielleicht Leben sagen, aber das beginnt eben mit dem Denken, genauer mit der Struktur des Denkens. und das beginnt vielleicht mit Ethik. Doch dazu müssen wir erst einmal ein paar Grundzüge des Lebens parat haben. Parat haben heißt, wir müssen sie für uns selbst als aktuell korrekt erkannt haben und bereit sein, sie immer wieder aufs Neue zu verifizieren. Verifizieren und untersuchen, das ist nämlich das torlose Tor zum Leben.

Worauf also sollte unser Denken, unsere Kultur und damit letztlich unsere Gemeinschaft basieren? Wie wäre es hiermit? Einfach, frei von allem Überflüssigen; komplementär und wechselbezüglich; Eleganz durch Reduktion; natürlich und ursprünglich; grundsätzlich und wesentlich; frei und ungebunden; gelassen und kraftvoll; harmonisch und ausgewogen; dynamisch und ohne Ich-Streben? Hat doch was, oder? Wenn Sie das verifizieren wollen, schauen Sie einfach einmal die Natur an. Die lebt nämlich nach genau diesen Prinzipien. Und meinen Hunden musste ich nie beibringen, dass eines der wichtigen Prinzipien im Leben ‚gesagt ist getan‘ ist, genauso wenig wie dass man jedem Moment seine ganze Aufmerksamkeit schenkt und nichts mit vorgefassten Ansichten begegnet. Ohne sollte oder müsste, sondern direkt und klar. Fragen Sie sich, wessen Geistes Kind Sie sind. Und dann entscheiden Sie, was richtig ist. Nicht für Sie, sondern überhaupt. Und nicht wäre, sondern ist.

Also dann. Gesagt, getan.

 

 

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.

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