Worüber soll man reden?

Und worüber kann man überhaupt reden?

Kürzlich sprach ich einen Bekannten – per E-Mail – auf einen seiner Posts an, den er im Internet veröffentlicht hatte. Meinen Einwand verstand er aber nicht, worauf ich meinte, dass wir uns darüber einmal austauschen sollten. Ich wusste ja nicht, ob ich ihn falsch verstanden hatte und / oder er einem Denk- oder Wahrnehmungsfehler erlegen war. Oder umgekehrt.

Wie soll man aber herausbekommen, wer etwas missverständlich formuliert hat oder in seiner Logik und seiner Darlegung von etwas ausgeht, das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, und so weiter und so fort. Es gibt eine Menge Möglichkeiten, an einander vorbei zu reden; wie aber soll man das herausbekommen, wenn man nicht darüber spricht?

Also, wie gesagt, er verstand meine Gedanken nicht, und ich wollte dem auf den Grund gehen. Im Gespräch. Aber er wollte das nicht. ‚Schreib einen Kommentar,‘ war seine lapidare Erwiderung, ‚vielleicht interessiert es ja jemanden.‘ Jedenfalls, das war meine Schlussfolgerung, ihn interessierte es nicht. Und dabei beließ ich es dann auch.

Nun kann man ja bedauerlicherweise – oder Gott sei Dank – niemanden zwingen, mit einem zu reden, aber mir begegnet dieses Thema so oft, dass ich nicht umhin komme, mir darüber Gedanken zu machen. Denn wenn jemand nicht mit einem redet, dann bröckelt die Beziehung. Oder es schleicht sich die Erkenntnis ein, dass da nie eine war, außer einer oberflächlichen.

Was natürlich die Frage aufwirft, was eine Beziehung überhaupt ausmacht. Oder was Beziehung ist. Ich habe einige Beziehungen, bei denen ich danach gefragt, was diese Beziehungen ausmacht, spontan mit einer Tätigkeit antworten würde, was man also gemeinsam tut. Und da fängt es schon zu knirschen an. Ein Beispiel: Ich fahre ja gerne Motorrad und freue mich, wenn ich jemanden finde, mit dem ich fahren kann.  Doch geht es wirklich nur um das Fahren? Oder wenn mir ein Nachbar hilft, das Dach von der Gartenhütte zu reparieren – ist da nicht auch noch etwas anderes? Oder kürzlich bekomme ich mit, dass jemandes Router seinen Geist aufgegeben hat. Und da er mir nahe steht, hole ich meinen Ersatzrouter und stelle ihn ihm hin. Doch geht es ‚nur‘ um den Router? Geht es nicht um viel mehr?

Das gemeinsame Motorradfahren macht entschieden mehr Spaß, wenn man auch miteinander reden kann. Eigentlich fahre ich wirklich gerne nur mit Leuten, mit denen ich auch reden kann. Obwohl ich eigentlich mit jedem fahren könnte, schließlich hören wir uns ja während des Fahrens nicht. Aber trotzdem, obwohl man nicht miteinander reden kann, ist der andere in einem präsent. Genauer im eigenen Geist. Nur eine Vorstellung oder ist es nicht doch genau so? Er begegnet mir, auch wenn ich nicht mit ihm reden kann? Genauso wie das Reparieren der Gartenhütte. Oder jemandem seinen Ersatzrouter zur Verfügung stellen. Und würde ich mit jemandem essen gehen, mit dem ich nichts zu reden habe? Sicherlich nicht.

Wir Menschen sind durch und durch geistige Wesen. Und auch, wenn wir ganz praktisch irgendwelche Dinge tun, es geht immer darum, wie man sich geistig begegnet, sich begegnen kann. Und kommt das nicht zu allererst? Wenn ich jemanden nicht leiden kann, ihm nicht im Geist begegnen will, bekommt der dann meinen Ersatzrouter? Ich habe da so meine Zweifel. Im Zen sagt man ja, Zen sei eine Begegnung im Geist. Und auch im Christentum spielt Geist eine wesentliche Rolle. Oder im Alltag, wenn man sich fragt, wessen Geistes Kind jemand ist, wenn er oder sie etwas tut, das man für nicht so wirklich prickelnd hält.

Die Basis jeder Beziehung ist meiner Meinung nach, inwieweit wir uns einander überhaupt im Geist begegnen können. Das definiert die Distanz zwischen uns, wen wir wie nahe an uns herankommen lassen. Und das heißt dann auch, wie verletzlich wir uns zeigen, wie weit wir uns öffnen, den oder die andere in uns hineinzulassen. Was ist eine Begegnung im Geist anderes als genau das? Die Tür zum eigenen Geist zu öffnen? Und bedeutet nicht ‚sich zu zeigen‘ auch, sich verletzbar zu zeigen?

Doch dieses Verletzbar-Sein, das spielt sich ja nur in meinem Kopf ab. Warum tut es weh; wen einer – Pardon – ‚Du Arschloch‘ zu mir sagt? Bin ich faktisch bescheuerter, wenn einer zu mir sagt, ich sei bescheuert? Und weniger, wenn er es nicht sagt? Ich kann mich ja selbst nicht beurteilen. Also nehme ich die Ansichten der Anderen, um mich zu beurteilen. Tut es nicht weh, dann ist alles in Ordnung; tut es aber weh, dann sollte ich tunlichst darüber nachdenken. Und solange irgend etwas, irgend eine Bemerkung weh tut, dann ist das Grund genug, sich für den Hinweis zu bedanken, dass man noch etwas aufzuräumen hat.

Wobei man hier sehr aufpassen muss. Ist es einem nur egal, was der andere sagt, dann ist das nur eine andere Art, Distanz zu schaffen. Unverletzlichkeit durch Distanz. Auch eine Art, Beurteilungen an sich abperlen zu lassen. Doch wir sollten solche Beurteilungen annehmen, denn so lange wir noch Beurteilungen empfinden, solange haben wir noch Arbeit vor uns. Gleichgültigkeit und Beliebigkeit sind eine riesige und sehr, sehr tiefe Falle, aus der man meist nur schwer herauskommt.

Du bist das Auge des Tornados. Alles andere kreist um Dich herum.‘ Das schrieb mir kürzlich ein Freund auf eine Frage. Vollkommene Gelassenheit. Wenn ich dort bin, im Auge des Tornados, dann bin ich sicher. Dann beurteile ich mich nicht mehr, sondern ich bin, was ich bin. Und damit drängt sich mir die Frage auf, ob mir dabei Kommunikationsregeln helfen. Ist es also nicht doch nur eine Frage meiner inneren Haltung mir selbst und den anderen gegenüber, ob ich mich im Auge des Tornados und damit im ruhigen und sicheren (aus der Perspektive des Außenstehenden) Bereich befinde oder eben doch mitten drin, draußen, wo der Sturm tobt?

Also ich war ja noch nie in einem Hurrikan, aber ich glaube, da gibt es im Wesentlichen nur zwei Zustände. Man ist entweder im ruhigen Zentrum oder draußen im Sturm. Der, wenn man so will, Übergangsbereich ist verdammt schmal. Und auch dann, wenn man sich weit weg von dem Hurrikan befindet, ist man auch nicht im windstillen, ruhigen Zentrum. Das sichere Gebiet, weit weg vom Zentrum, ist nämlich nur deswegen sicher, weil wir uns in Konvention üben, einer Welt der Vortäuschung und des Scheins. Man tut so, als ob man eine Beziehung hätte, doch in Wirklichkeit verschanzt man sich nur hinter seiner Maske und lässt den anderen nicht zu nahe an sich herankommen. Der Preis ist hoch, verdammt hoch. Eine solche Beziehung ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.

Dann bleibt einem nichts anderes als zu schweigen, will man nicht auch Teil der Pseudogesellschaft sein. Und entweder zu warten oder seines Weges zu gehen. Doch das ist schwierig. Wir Menschen sind, wie die ganze Natur auch, zu der wir ja gehören, auch wenn wir das oft vergessen und glauben, uns darüber hinwegsetzen zu können, wir Menschen also sind Beziehungswesen, wir leben nur in Beziehung zu allem anderen. Und auch der menschenscheue Waldschrat lebt in Beziehung, in der zu den Menschen, die er nicht mag, und in der zur Natur, die er mag.

Fazit: Wir sind Beziehung, nichts anderes. Darüber könnte man reden. Doch vorher muss man sich dessen bewusst sein, sonst redet man nicht darüber.

Fragen zum Text?