Worum geht es eigentlich in unserem Leben? 

Es geht um zwei Dinge: Ziel und Weg.

Das Ziel ist, einfach ausgedrückt, zu sehen, was ist, soweit uns das eben möglich ist. Der Weg aber ist etwas ganz anderes. Dabei geht es erst einmal darum, sich überkommener Denkstrukturen bewusst zu werden und andere Strukturen als möglich zu erfahren. Wer diese Erfahrungen nicht zu machen sucht, der wird dieses Ziel wohl nie erreichen. Und da steckt schon das erste Problem drin. Woher sollen ich denn wissen, dass ich nicht die richtigen Denkstrukturen habe? Ich gehe doch immer davon aus, dass das, was ich denke, richtig ist, selbst dann, wenn ich mich für blöd halte.

Ich weiß zwar nicht, wie Sie aus diesem Dilemma herauskommen, ich kann Ihnen nur erzählen, wie ich dieses Dilemma für mich geklärt habe. Zumindest hoffe ich das. Ich kam zu meinem Leidwesen mehrfach an den Punkt, an dem ich einfach nicht mehr weiter wusste. Heute würde ich sagen ‚Gott sei Dank!‘ war ich nicht weitergekommen. Schließlich ist jedes ‚Hier geht es nicht weiter!‘ die klare Botschaft, dass man am falschen Ort gesucht hat. Wenn das mal kein Glück ist! Sonst hätte ich das eigentliche Problem vielleicht nie erkannt. Begriffen hatte ich was da schief lief, als ich einmal auf der Treppe saß und jammerte, dass wieder alles so schrecklich war wie immer, obwohl doch eigentlich alles ganz anders war.

In dem Moment begriff ich, dass da noch immer eine Konstante drin steckte, die unverändert geblieben war: Ich. Genauer das, was mich sein lässt, wie ich bin: Mein Denken. Ich versuchte dann noch eine Weile mit den gewohnten Strategien im Leben klarzukommen, aber mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf funktionierte das immer weniger. Als ich dann meine berufliche Karre so richtig ordentlich an die Wand gefahren hatte, wandelte sich die Erkenntnis endlich zur Einsicht: ‚Meine Denkstrukturen waren das originäre Problem. Die musste ich ändern.‘ Was ich dann auch tat. Erst zögerlich, aber dann immer konsequenter.

Und weil meine Beruf Berater war, dachte ich irgendwann auch darüber nach, was ich tun könnte, um anderen Menschen diese Einsichten zu vermitteln. Erst einmal versuchte ich es über den Zen-Weg. Doch das war ein steiniger Weg, denn die wenigsten hatten den Mumm, sich ihr Scheitern einzugestehen. Und genau damit fängt der Zen-Weg an, wie schon Nagarjuna einmal gesagt hat. Mit dem Scheitern. Dieses Scheitern hat oft einen geistigen wie einen unmittelbaren, tatsächlichen Aspekt. Etwa wenn man im Beruf gescheitert ist oder seine Beziehung an die Wand gefahren hat. Aber man kann auch ‚nur‘ geistig scheitern, wenn man rechtzeitig merkt, dass es auf Dauer ‚so‘ einfach nicht mehr weiter geht und dass man etwas ändern muss. Nämlich im Denken.

Zu akzeptieren, im Denken gescheitert zu sein, tut gar nicht wirklich weh. Dass es dem Ego weh tut, das ist so, doch das ist nur ein Phantomschmerz, denn das Ego gibt es ja gar nicht. Was soll da eigentlich auch weh tun? Aber eben nur eigentlich. Erst einmal. Solange man noch mit diesem Ego be- und verhaftet ist, tut es eben weh. Aber dagegen gibt es ein wirksames Heilmittel: Sich nicht in Emotionen und Gefühlen ergehen und ihre Unbeständigkeit erkennen. Und das vor allem zu akzeptieren und zu verstehen.

Das mit Zen war irgendwie schwierig. Doch dann kam ich wieder mit Quantenphysik in Berührung. Genau, das war die Lösung! Auf der Ebene wissenschaftlicher Erkenntnis müsste das Thema doch zu transportieren sein! Doch weit gefehlt. Es war keinen Deut anders. Solange das Ego jammert, solange hört einem ganz offensichtlich keiner zu. Wobei ich natürlich unterstellt habe, dass ich keinen Quatsch erzähle. Das muss jeder selbst herausbekommen, in dem er sich auf das, was ich so von mir gebe, einlässt und es im eigenen Leben verifiziert. Aber das geht eben nur ohne Ego.

Weg und Ziel können also nur dann erreicht und begangen werden, wenn das in einem Egofreien Raum geschieht. Ich sag immer, das Ego ist wirklich unser Feind. Im Grund unser einziger wirklicher Feind. Das sagte auch der Kabarettist Werner Kroll auf sehr humorige Weise: ‚Ist erst der Ruf ruiniert lebt es sich ganz ungeniert.‘ Dabei wissen wir doch schon längst, dass Kinder und Narren die Wahrheit sagen! Aber auf die hört eben keiner so richtig. Es ist die Unbekümmertheit von Kindern und Narren, die sie aussprechen lässt, worüber andere oft nicht einmal nachzudenken wagen: Das, was wirklich ist. Was natürlich die Frage aufwirft, was so viele Menschen daran hindert sich überhaupt anzusehen, was wirklich ist.

‚Ich bin, was es sich zu bewahren lohnt, während ich noch nicht war, was ich sein wollte.‘ Ein Gedanke von Christa Schyboll. Und genau das ist es, was sich so viele Menschen bewahren wollen und was ihnen so beharrlich im Weg steht. Dieses so oft falsch interpretierte und falsch verstandene ‚Ich will.‘ Alles nur eine Frage der Interpretation? Genau! Einzig darum geht es in unserem Leben, dieses Leben richtig zu interpretieren. Weg und Ziel ergeben sich dann so ziemlich von alleine. Was nicht bedeutet, dass der Weg nicht auch praktiziert werden müsste!

Man sollte sich also nicht zu früh freuen, ein erster Schritt ist nicht mehr als genau das: Ein erster Schritt. Er ist wichtig und notwendig, keine Frage. Nur ist es eben ein Schritt und nicht der Weg. Also sollte man dafür sorgen, dass das Ziel so weit entfernt oder so hoch gesteckt ist, dass man sein Leben lang auf dem Weg bleiben muss, um es zu erreichen.

Schritt für Schritt.

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