Zen-Denken I

Was kann man tun, um aus dem gewöhnlichen Denken mit all seinen Glaubenssätzen und Mythen herauszukommen?

Es beginnt, wie so oft, ganz pragmatisch. Am Anfang steht nämlich die Frage, was ‚Denken‘ überhaupt bedeutet und dann, wie man ‚richtig‘ denken kann. Was einem ja schon irgendwie wie eine dreiste Frage erscheinen kann, da wir das doch alltäglicher weise und manchmal auch noch erfolgreich tun – oder scheint es nur so zu sein?

Nein, ich möchte Sie jetzt nicht einladen ein MRT zu machen oder sich in sonst eine Maschine zu legen. Ich will einfach nur ein wenig auf die üblichen Sprachverwirrungen eingehen. Also, Denken ist erst einmal ein Prozess. Sie denken beispielsweise darüber nach, warum der Herr Maier Sie heute früh nicht gegrüßt hat. Sie grübeln. Oder Sie suchen ein Problem zu lösen, etwa wie Sie eine Website aufbauen sollen oder wie Sie mit jemandem stressfrei(er) kommunizieren können.

Das Dumme dabei ist nur, dass Sie das Denken an sich überhaupt nicht mitbekommen. Das Einzige, das Ihnen bewusst wird, sind winzig kleine Bruchstücke des Gedachten. Wir sagen dazu ‚Gedanken‘, ohne groß darüber nachzudenken, was das eigentlich ist. Das Denken an sich ist uns nicht bewusst, unsere Gedanken sind nur das aufflimmern einzelner Gedankenfetzen, niemals aber sind sie repräsentativ für den gesamten Denk-Prozess. Je mehr Sie sich dabei auf Ihre bewusst wahrgenommenen Gedanken als das ‚Ganze‘ verlassen, umso schneller gehen Sie dabei Ihrem Nicht-bewusstem auf den Leim. 

Sie werden es auch daran merken können, jedenfalls oft oder meistens, wenn Sie immer schneller reden. Oder wenn Sie zwar still sind, Ihnen die Gedanken aber nur so durch den Kopf zischen. Statt innerlich (!) still zu werden und sich einzulassen. Sich einzulassen ist ein Element, das auch im Dialog von Bedeutung ist und es bedeutet schlichtweg für diesen Moment keine (!) Meinung zu haben. Das hat ja auch etwas mit Hingabe zu tun. Wenn Sie hingegen eine eigene Meinung haben sind Sie festgezurrt und liegen fixiert vor Anker. Es ist dabei müßig sich Gedanken zu machen, woran Sie da festgemacht haben – Sie haben es.

Sich auf einen anderen einzulassen bedeutet also, sie oder ihn verstehen zu wollen und nicht, seine eigene Meinung verteidigen zu wollen – was die meisten leider tun. Erst wenn Sie den Anderen auf seiner Ebene (!!) wirklich verstanden haben und seine Gedanken nachvollziehen können, können Sie damit beginnen, es mit Ihren eigenen Gedanken bzw. der eigenen Ansicht abzugleichen und sich eine Meinung dazu bilden. 

Komplizierter wird es, wenn Sie versuchen, sich auf sich selbst einzulassen. Aber auch da gilt: Haben Sie keine Meinung. Hören Sie auf, Ihren Gedanken zu folgen, denn nur so befähigen Sie sich selbst, zu denken! Ganz schön verdreht, aber so ist es. Entweder, Sie wollen wissen, was Sie wirklich, also sozusagen hinter vorgehaltener Hand denken, oder wollen Sie weiter eine schöne, glatte und wunderbar mainstream-kompatible Oberfläche zeigen? Maske oder doch die Wirklichkeit – sein wie Sie im Innersten sind, frei von Konventionen und all diesen sozialen Rücksichtnahmen?

Das ist die eigentliche Herausforderung. Denn zu wissen, was Sie wirklich denken, wird Sie möglicherweise in einen tiefgreifenden Konflikt bringen. Sie werden sich eingestehen müssen, wie Sie wirklich ‚gestrickt‘ sind. Und genau das ist das eigentliche Problem, denn nur wenige Menschen wollen oder sind bereit zu sehen, wie Sie wirklich sind:

‚Selten sind Menschen, die hilfreiche Rede führen, noch seltener aber jene, die auf diese hören. Am seltensten aber sind solche, die unangenehmen, doch hilfreichen Rat ohne zu zögern in die Tat umsetzen.

Wenn ihr also erkannt habt, dass ein Ratschlag zwar unangenehm, doch nützlich ist, tut unverzüglich, wie Euch geraten, so wie ein Kranker zur Heilung seines Übels bittere Medizin nimmt von jenen, die für ihn sorgen.‘ So bringt es Nagarjuna in seinem Werk ‚Juwelenkette‘ auf den Punkt. 

Gerald Hüther be- und umschreibt dies in seinem Buch ‚Was wir sind. Und was wir sein könnten‘ unter anderem so: ‚Entscheidend dafür, was eine Person von der Welt wahrnimmt, worum sie sich kümmert, was sie als bedeutsam erachtet, wie sie sich äußert oder verhält – und damit wie und wofür sie ihr Gehirn benutzt –, sind nicht die objektiven Gegebenheiten, sondern die jeweilige subjektive Bewertung dieser Begebenheit durch die betreffende Person.‘

Und wenn Sie jetzt noch Nagarjunas und Gerald Hüthers Gedanken beherzigen, sind Sie auf dem direkten Weg zum Zen-Denken: Haben Sie keine Meinung und lassen Sie sich unter keinen Umständen von Gefühlen einfangen. Aber denken Sie jetzt bitte nicht: ‚So einfach?‘ 

Denn es ist alles, nur das nicht. Leider. Worum geht es also im Zen-Denken? ‚Nur‘ darum, Ihr Ego zum Schweigen zu bringen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.