Zen pragmatisch

Worum geht es im Zen? Um das Erwachen? Irgendwie schon und doch wieder auch nicht. 

 

Erwachen ist, wenn man so will, ein Zwischenziel. Wobei es schon falsch ist, es ein Ziel zu nennen, denn es ist weder ein Ort noch ein Zustand, der erreicht werden könnte. Eher könnte man sagen, es ist eine Haltung. Aber Haltungen haben ja bekanntlich die dumme Eigenart, dass sie unbeständig sind und man sie auch wieder vergessen und verlieren kann. Nur: Genau so ist es auch.

Im Grunde wäre es hilfreicher, von »Wach-zu-sein« zu sprechen. Oder, mit den Worten von Krishnamurti, »Sehen, was ist«. Wenn wir jemanden fragen, ob er glaubt, wach zu sein, wird sie oder er uns wahrscheinlich erstaunt anschauen und sagen: ‚Aber natürlich! Was für eine blöde Frage?!‘, und man wird auf ziemliches Unverständnis stoßen, wenn man ihr oder ihm darauf antwortet: ‚Du irrst, du schläfst! Einen tiefen Schlaf, und erst in deiner Todesstunde wirst du erwachen, so wie die meisten Menschen auch.‘

Sprechen wir also von Erwachen, dann sprechen wir letztlich darüber, was es bedeutet, wach zu sein. Das aber kann sich niemand vorstellen und auch nicht darüber nachdenken, der noch schläft. Darum verpacken viele die Praxis des Zen ja auch in irgendwelche methodischen Spielereien, damit sie den Menschen mit ihrem »du schläfst ja!« nicht allzu sehr auf den Geist gehen. 

Die Frage ist also nicht (bzw. sollte es nicht sein), wie man erwachen kann. So etwas wie einen geistig-spirituellen Wecker gibt es nicht, auch wenn viele das so zu verkaufen suchen. Entscheidend ist, sich zu fragen, warum man überhaupt erwachen sollte! Wer sich nicht bewusst ist, dass sie oder er schläft und vor allen Dingen, welches Schlafmittel er benutzt, wird schwerlich den Weg zum Erwachen finden. Nur in unserem physischen Leben gehört der Schlaf dazu, nicht aber in unserem geistigen Leben. Also: 

Welche Pille haben wir eingeworfen, damit wir schlafen können?

Und damit stellt sich die Frage nach dem ‚Erwachen‘ ganz neu. Denn es geht nicht mehr darum, zu erwachen, sondern darum zu erkennen, wie man sich daran hindert. 

Klingt sehr pragmatisch und ist es auch. Das Dumme ist nur, dass uns unsere mystisch-romantische Verliebtheit in die Vorstellung von einem erwachten Leben dabei ziemlich im Weg steht. Einer, der dies in aller Konsequenz erkannt hat, ist, neben einigen Zen-Meisten, Jiddu Krishnamurti. 

Wer nicht in der Lage ist zu sehen, was ist, braucht sich auch nicht mit der Frage beschäftigen, wie man erwachen kann. Bevor man »die Kunst des Sehens« nicht beherrscht, braucht man gar nicht erst anzufangen, nach mystischen Einsichten in die Wirklichkeit der Welt zu suchen.

Zu Beginn meiner Zen-Praxis habe ich einmal einen Zen-Meister gefragt, ob er Krishnamurti für einen Zen-Meister hält. Seine Antwort war: ‚Wenn du einen in ihm siehst, ist er es.‘ Die meisten Menschen würden auf eine solche Antwort wahrscheinlich die klassische Gegenfrage stellen: »Hä? Wie meinst du denn das?«, ohne groß darüber nachzudenken, was er mit dieser Antwort eigentlich sagt oder sagen wollte. Dahinter steckt nämlich die Frage, wie die Welt und die sogenannte Wirklichkeit in meinen Kopf kommen und wie ich aus meinem Kopf in die Welt und die Wirklichkeit komme. Solange wir nicht in uns selbst erfahren haben, wie das funktioniert, werden wir solche klassischen Aussagen wie ‚alles ist Geist‘ oder ‚alles entsteht im Geist‘ in ihrer Bedeutung nicht wirklich erfassen können.

Und bevor wir das nicht können, sollten wir gar nicht erst versuchen, auf unserem geistig-spirituellen Weg weiter zu gehen. Die Zen-Praxis besteht also im Wesentlichen daraus zu untersuchen und zu ergründen, was wir als »so ist es« überhaupt erkennen können, was zuallererst bedeutet grundsätzlich zu verstehen, was Erkennen und Erkenntnis überhaupt ist. Doch sollte man nicht glauben, dass dies so ein rein wissenschaftliches Ding wäre (worin ich den Grund sehe, dass sich so viele nicht für Zen begeistern lassen) und dass man alleine Kraft seines Intellekts zur Einsicht gelangen könnte. Zen zu praktizieren heißt Zen zu leben, heißt ein Leben im Einklang mit den Prinzipien zu führen. 

Ich bin der Überzeugung, jedenfalls ist dies meine Erfahrung, dass man ohne diese Lebensgestaltung, ich nenne es den Teeweg des Alltags, nicht über rein intellektuelle Einsichten hinaus zu authentischen Erfahrungen und Einsichten gelangen kann. Bekanntlich hilft ja die Einsicht nicht, da nur die Erfahrung uns zu neuem Wissen verhelfen kann.

Doch wenn wir gelernt haben zu sehen, wenn wir das torlose Tor des Zen durchschritten haben und ohne jegliche Täuschung in der Wirklichkeit des Augenblicks verwurzelt sind, wird es erst einmal wirklich herausfordernd. Das ist ein bisschen so, als lebe man als Sehender unter lauter Blinden, die sich köstlich amüsieren können, wenn man ihnen zu erklären sucht, dass sie blind sind. Stattdessen fordern sie einen ständig auf, doch auch einmal »zu fühlen«, denn es ist das Einzige, das sie kennen und darum auch können.

Es ist zugegebenermaßen nicht so einfach, sich darauf einzulassen, dass die Welt allein im Bewusstsein existiert und es die Welt als solche bzw. das Wahrgenommene so, wie wir es wahrnehmen, nicht gibt. Es ist also nicht die Frage, wie wir die Außenwelt in unserer Vorstellung repräsentieren; vielmehr ist es die Frage, warum die Vorstellung, die wir von der Welt haben, so verdammt real ist und warum wir uns immer noch schmerzhaft das Schienbein am Tisch stoßen, obwohl der Tisch doch im Grunde nur leerer Raum ist. Wenn die Welt nur in unserem Kopf existiert, »worin« leben wir dann überhaupt?

Oft ist die Rede davon, dass wir in einer »Illusion« leben; dass wird die Welt nicht wirklich sehen, wie sie ist. Tatsächlich besteht die Illusion darin, dass wir etwas für real und wirklich halten, was es tatsächlich nicht ist. Wir leben tatsächlich in einer realen Illusion. Was manche Physiker zu der Überlegung gebracht hat, dass wir möglicherweise einer unendlichen Zahl von Paralleluniversen leben, ganz nach dem Motto: ‚Nicht nur jedem seine Wahrheit, sondern sein ganzes Universum.‘

Wobei man sich davor hüten muss, dahinter eine metaphysische Wahrheit zu suchen oder eine solche klammheimlich hineinzuinterpretieren. Es geht einfach darum zu erkennen, was ist, ohne es erklären zu wollen – wohl aber zu ergründen, was dies für das eigene Leben bedeutet.

Das ist die eigentliche Herausforderung, die ich in der Praxis des Zen sehe, nämlich eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir in einer Welt leben, die es ’so‘ tatsächlich nicht gibt. Dabei ist die Frage nicht, was es bedeutet, dass wir in einer solchen virtuellen Welt leben. Auf diese metaphysische Frage ist, wie auf alle metaphysische Fragen, keine wirklich befriedigende Antwort zu finden; außer um den Preis der Spekulation oder Dissoziation. 

Doch halten wir uns an das als Ockham Rasiermesser bekannte heuristische Prinzip, dass man in Erklärungen nicht mehr Hypothesen und Variablen einführt, als benötigt werden, um den zu erklärenden Sachverhalt ausreichend herzuleiten, dann weist uns das auf die pragmatische und nahe liegend Lösung hin, nämlich danach zu fragen, wie wir uns, einfach davon ausgehend, dass es so ist, ohne also nach einem Warum, einer Erklärung, zu fragen, nur danach fragen, wie wir uns in dieser virtuellen Welt, in diesem »Raum des Geistes« organisieren können und auch müssen – was wiederum unmittelbar die Frage nach der Bedeutung und Gestaltung von Gemeinschaft aufwirft. Das ist keine Frage von Wissen, sondern eine Frage der Gestaltung, auf die eine Antwort nur im Dialog, der gemeinsamen Suche nach Sinn und in der gleichzeitigen Rückbindung an das Absolute gefunden werden kann.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.