Zen und das normale Leben

Kein Unterschied.

Alle Traditionalisten mögen es mir nachsehen, aber ich verstehe unter Zen-Praxis etwas anderes, als stumm vor einer Wand zu sitzen.

Ich habe es gerade wieder einmal erlebt. Ein Bekannter, der auf die traditionelle Art Zen praktiziert. Stumm vor einer Wand sitzen. Keine Frage, dass das gute Gefühle auslöst. Doch irgendwie kamen mir schnell Zweifel an der Sinnhaftigkeit seiner Praxis. Warum? Weil sein Geist nicht still war. Ein Gespräch war mit ihm sehr schwierig, eigentlich unmöglich.

Das hat mich wieder einmal in meiner Ansicht bestätigt, dass Zen zu praktizieren eine Haltung einzunehmen bedeutet – und nicht einem vorgeschriebenen Ritual zu folgen. Zen, das ist ja nicht etwas Definierbares, sondern immer nur das, was ich daraus mache, wozu ich bereit bin.

Und das ist nun einmal nicht beliebig. Ich bestimme das nicht, keiner bestimmt es, sondern es ist definiert durch und in unserem Menschsein. Ob ich das allein dadurch verstehen beziehungsweise ergründen kann, dass ich vor eine Wand sitze und meine Gedanken still werden? Es gibt soviel hilfreiches Wissen in der Welt. Und das zu nutzen ist für mich auch Zen. Und wenn ich es nicht nutzte, was wäre dann Zen?

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie selten Zen-Praktizierende die Gedanken der Quantenphysiker, der Neurobiologen, der Wissenssoziologen und anderer nutzen. Vielleicht sind die Vorurteile gegenüber den Wissenschaften noch immer zu verhärtet, zu verkrustet. Noch immer werden sie oft voreilig als Leugner von Unbestreitbarem angesehen. Was bei einem genauen Blick aber nicht mehr stimmt. Auch Wissenschaftler sind lernfähig.

Man darf nicht vergessen, wann die Zen-Praxis entwickelt wurde. Die Zeit ist jedoch nicht stehen geblieben. Hingegen die übliche Zen-Praxis scheint ein gewisses Beharrungsvermögen zu haben. Und sehr viele vergessen total, dass die geistige Auseinandersetzung mit den alltäglichen Anforderungen des gewöhnlichen Lebens ganz selbstverständlich zur Zen-Praxis gehören. Und zwar an vorderster Stelle.

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